REVIEW

 

Wi(e)der die Klischees

 

Rose Issa: Iranian Photography Now
EIKON – International Magazine for Photography and Media Art

© EIKON / ÖIP – Österreichisches Institut für Photographie und Medienkunst

„[...] these photographers clearly express their love for the land, its history, and people." so Rose Issa als Herausgeberin des inspirierenden Bildbands Iranian Photography Now. Darin versammelt die renommierte Kuratorin 36 aktuelle iranische FotografInnen und entfaltet in ihrem Textbeitrag die Relevanz historischer Dimensionen. Denn die iranische Fotografie verfügt über Wurzeln, die bis ins Jahr 1844 zurückreichen, als auf den Wunsch des an Europa orientierten Schah Nasseredin in Persien nicht nur die ersten Daguerreotypien entstanden, sondern sich dieser als ebenso passioniert beim Aufbau seiner fotografischen Sammlung erweisen sollte.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint vom sprunghaft angestiegenen Interesse an iranischer Gegenwartskunst erneut die Fotografie zu profitieren. Das inhaltliche Spektrum der Publikation oszilliert facettenreich zwischen Journalismus und Bildender Kunst, zwischen im Land lebenden KünstlerInnen und MigrantInnen wie Shirin Neshat oder Parastou Forouhar. Melancholisch fokussiert die Themenfülle persönliche Lebenswelten, nimmt lieber Menschen als Objekte ins Blickfeld und kristallisiert eine Gegenüberstellung von Privatleben und öffentlicher Person, von Mann und Frau, von Tradition und globaler Gegenwart. Die raren Außenaufnahmen sind durchwirkt vom Gedenken an Erdbeben- oder Kriegstote.

Shadi Ghadirians Serie Like Every Day (2002) erinnert vage an Martha Roslers Video Semiotics of the Kitchen (1975). Kopf und Oberkörper ihres Modells sind völlig hinter dem umhüllenden Kopftuch verschwunden, einzig Haushaltsgegenstände lässt Ghadirian anstelle des Gesichts hervorblitzen, wie die Metallsohle eines Bügeleisens, einen blauen Putzhandschuh oder ein überdimensionales Küchenmesser. Doch wenn sich das Kopftuch lüftet, verbirgt sich in der privaten Welt des Heims nicht die Freiheit, sondern unausweichlich die ermüdende Hausarbeit. Amirali Ghasemi dagegen eröffnet in ihrer Serie Party (2005) den Blick auf das heimliche Teheraner Szeneleben, das zunächst das Bild einer Privatparty abgibt, wie sie überall auf der Welt stattfinden könnte. Dass sich dort ein Freiheitsgefühl zwar unverschleiert, wenngleich nicht in der Öffentlichkeit einstellen kann, entlarvt der zweite Blick, denn zum Schutz der abgelichteten Frauen blendet Ghasemi die Haut aller Personen mit weißer Farbe aus.

Die versammelten heterogenen Bildthemen beleben unsere Klischees vom Iran auf nostalgische Weise und gleichzeitig widerspricht die festgehaltene Realität den gängigen Stereotypisierungen. Mit welchen politisch motivierten Bildpolitiken auch das (weltumspannende) Kunstsystem verwoben scheint, darauf mag indirekt hinweisen, dass sich in Iranian Photography Now trotz der umsichtigen Künstlerauswahl keine westlichen oder gar anti-westlichen Bildmotive finden. Doch Rose Issa stellt sich den Widersprüchen, indem sie Shirana Shahbazi das ‚ethnische Marketing' kommentieren lässt: „If it says ‚Iran' on the cover, you have to find Iran inside." – unzensiert.

Rose Issa (Hg.): Iranian Photography Now

Vorwort von Martin Barnes und Homi Bhabha, Einleitung von Rose Issa, alle Texte in englischer Sprache. Gebunden, 236 Seiten, 189 Abbildungen. Hatje Cantz Verlag 2008. EUR 39,80. ISBN 978-3-7757-2257-5.

 

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