CONTEXTUAL ESSAY

 

Keine Barrieren – kein Hausarrest

 

Perspektiven zeitgenössischer afrikanischer (Tanz-)Performances im Kontext medialer Stereotypisierungen
kunstgeschichte aktuell

„Einen eigenen Körper zu erobern, und zwar jenseits aller Postulate der Verwurzelung und Herkunft; ‚ich' sagen zu können, ohne zwangsläufig als ein ‚Vehikel des Kontinents' wahrgenommen zu werden - die Geschichte des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes ist diese Suche, diese Konstruktion von Freiheit."1

Stereotype Afrikabilder scheinen sowohl die Produktion als auch die Rezeption zeitgenössischer afrikanischer (Tanz-)Performances2 zu infiltrieren, so meine an die Kulturwissenschaften angelehnte Hypothese. Die Brisanz dieses Verdachts sollen drei zentrale Ansätze illustrieren.3

(1) Für klischeehafte Zuschreibungen erweist sich der ‚black body' als gleichsam prädestiniert, avanciert doch der afrikanische Körper in Historie wie Gegenwart zu einer paradigmatischen Figur der Erotik und der Kontinent zu einem Ort exotistischer Sehnsucht. Nicht zuletzt soll der nonverbale Tanz - ‚dort' wie ‚hier' - eine universale Lesbarkeit implizieren. Diese multiplen Stereotypisierungen von Tanz, ‚black body' und Afrika als Sinnbilder (vermeintlicher) Authentizität und Ursprünglichkeit kulminieren im Kontext der Performancekunst in der simplifizierenden Floskel ‚Jeder Afrikaner tanzt'.

(2) In Afrika selbst gilt es, den Tanz als Schauplatz ideologisch motivierter - (post-)kolonialer, panafrikanischer oder auch nationaler - Identitätskonstruktionen zu analysieren. Während sich in Maurice Béjarts Tanzakademie der ‚moderne' Tanz und Leopold Senghors panafrikanisches Gedankengut wechselseitig befruchten sollten,4 verwehrt sich die heutige, urban sozialisierte Generation afrikanischer PerformerInnen gegen den Bezug zu animistischen Riten.

(3) Der koloniale Blickwinkel einer (westlichen) medialen Rhetorik verführt noch heute dazu, eine eurozentrische Sprachpolitik zu zementieren, anstatt die Potentiale künstlerischer Inhalte zu prononcieren. Ein Fachmagazin stimmt in die entmündigenden Stigmatisierungen ‚spezifischer Afrikanität' ein und aktualisiert diese mit Schlagzeilen wie „Tanz aus Afrika ist eine Kategorie-A-Kunst: AIDS, Aggression, Armut, Analphabeten, Allah und Apartheid."5

Jenseits der skizzierten vielschichtigen Stereotypisierungen gilt es, wechselseitige differenzierte Blickachsen auf den heterogenen (Kunst-)Kontinent freizulegen und eine Gegenwart ohne Hausarrest anzudenken, die lustvolle Differenzen zu generieren vermag. Denn Afrikas Körperbilder konstituieren sich heterogen, ebenso wie zeitgenössische PerformerInnen als WeltbürgerInnen und AfrikanerInnen selbstbestimmt ihre künstlerische Position markieren - barrierefrei.

Anmerkungen

1 Mensah, Ayoko: Einen Körper erschaffen. Die neue Generation afrikanischer Performance-Künstler, in: The Third Body. Das Haus der Kulturen der Welt und die Performing Arts (Themenband), Berlin 2004, S. 34-39, hier S. 39.

2 Die Hilfsvokabel ‚zeitgenössische afrikanische (Tanz-)Performances' ist der Größe und Vielfalt Afrikas und damit der künstlerischen Heterogenität geschuldet, betrifft doch der instrumentalisierte Topos den gesamten (Kunst-)Kontinent.
Der Begriff ‚Performance' wird aus der Sicht der darstellenden Kunst gesetzt, gleichwohl die bildende Kunst identische Themenfelder akzentuiert. Vgl. die Vorlesung von Prof. Dr. Lydia Haustein: „Von ‚Africa Shox' zu ‚Windowlicker' und die Stereotypisierung afrikanischer Kulturen", Vorlesungsreihe „Transkulturelle Perspektiven afrikanischer Kunst/Geschichte", Kunsthistorisches Institut der Freien Universität Berlin, 8. Juli 2008.

3 Ausgespart bleibt hier unter anderem das in meinem Vortrag angeführte künstlerische Beispiel. Wie zeitgenössische afrikanische Kunstproduktion zukunftsweisende Gedankenräume zu entfalten vermag, wurde anhand Faustin Linyekulas Performance „Radio Okapi" zur Diskussion gestellt.

4 Vgl. Sieveking, Nadine: Abheben und Geerdet Sein. Afrikanisch Tanzen als transkultureller Erfahrungsraum, Münster 2006, S. 54f.

5 Wesemann, Arnd: Afrikas Moderne tickt anders, in: ballet-tanz, 7.05, Berlin 2005, S. 26-31, hier S. 27.

 

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